ABLÖSUNG
Sanft und behutsam löst das Mädchen die Haut der Bedeutung vom Lebendigen...
Eine Rose ist eine Rose ist eine Rose, sagt der Dichter..
Was ist eine Rose, fragt der Philosoph. Jedes Kind kann dir das sagen, sagt die alte Frau, die daneben steht. Das ist ein Gewächs, das einen Stengel hat und eine Blüte und manchmal Stacheln und es duftet
Sie ist ein Geschenk meines Liebsten, sagt die Verliebte
Sie ist ein Produkt meiner Wahrnehmung, sagt der Hirnforscher
Sie ist eine Illusion, sagt der Buddhist
Sie ist völlig wertlos, sagt der Hungrige, sie nährt mich nicht.
Und während all diese Wesen zuweilen Kriege führen,
um die Bedeutung der Rose in der Welt der endlichen Beschreibungen, Deutungen und Fürwahrhaltungen, begegnet das Mädchen dem Lebendigen auf zeitlosen Wegen,
die keinen Namen tragen und keine Schilder brauchen
Morgenandacht
Sonne auf der Haut
Der Körper warm und weich
dehnt sich aus
streckt sich ins Leben
lauscht….
Vogelgezwitscher
Das Plätschern des Wassers
Ein zartes Lüftchen
Tief atmet es Frieden
Klar und warm ist die Luft
Mein Herz duftet Amber
Heimatduft
..und lange bevor meine Seele sich aus den lichtenden Welten einen irdischen Körper erdichtete, sprach das sich formende Leben zu ihr:
"Willst du, so frag ich dich, dein Lied in Ton ergiessen, der einstmals wird ein Mensch genannt und sterblich sein im irdisch Gewand?" und meine leuchtende Seele sagte: "Ich will" und weiter sprach das Leben...
"Doch wisse, ich werde dir Menschen schicken, die dich lieben und dennoch verraten, die dir nahe sind und fern, die dich belügen und retten, die dir ewige Treue schwören und doch sich selbst nicht treu sind..Sie werden dich aufnehmen und verjagen, dich liebkosen und schlagen, sie werden alles mit dir tun, was ihren Möglichkeiten entspricht..Es wird Zeiten geben, in denen du mir entfliehen willst, Zeiten des Sturms und der Enttäuschung."
"Ja, ich will" sagte meine leuchtende Seele, die nichts kannte ausser der Liebe, der sie entsprang..
"Doch wisse", so sprach das sich formende Leben: "Du wirst alles vergessen, was du jetzt noch weisst, dich selbst wirst du vergessen, in dem, was dann irdisches Dasein heisst. Doch wirst du noch immer die selbe sein, aus der Liebe geboren, im Herzen rein"..."Ja ich will, sprach die leuchtende Seele, wie schön muss das Vergessen sein."
Und lächelnd nahm das sich formende Leben die Hand meiner Seele und sie vermählten sich in heiligem Bunde. Das Leben sagte: "Ich liebe dich, meine leuchtende Seele", die Seele aber sagte. "Ich vertraue dir, du endlos sich wandelnder Fluss"
Dann, als viele Monde in vielen Leben vergangen waren, rief die Menschin dem Leben zu: "Wie kann ich dir vertrauen, du hast mich belogen, verraten, verletzt!"
"Und hab ich", so sprach das Leben, "dir je etwas anderes versprochen?"
In diesem Augenblick erinnerte sich die Menschin an die Hochzeit der leuchtenden Seele mit dem sich formenden Leben..."Nein, hast du nicht" sagte die Menschin, aber warum hab ich dich nicht gefragt, wozu das ganze dienen soll?
"Weil du es wusstest, oh leuchtende Seele und weil du es immer noch weisst..."
"Ich kann mich in dir erkennen", sagte leise die seelenschimmernde Menschin.
"Und ich mich in dir, meine leuchtende Seele", sagte das Leben. "Ich schenke mich dir ganz, auf dass du mich beseelst mit deiner Hingabe, deiner Liebe, deinem Mitgefühl, deinem Verstehen, deiner Phantasie, deiner Schöpferkraft"
"Vertraust du mir", fragte das Leben nun.
Die Menschin schwieg, denn sie fühlte unermessliche Liebe in sich und Dankbarkeit, sich selbst zu erfahren in allem. In der unendlichen Vielfalt der Gefühle, der Gedanken, der Stimmungen, in Sonne und Regen, in der Zärtlichkeit sich berührender Hände, im herzlichen Lachen entflammter Herzen, in all den wundersamen Landschaften der Erde, die ihr wie ein Ausdruck all ihrer Gefühlsregungen schienen..die Tiefe des Meeres, die Weite der Wüste, sanfte grüne Hügel und der Wind, der gegen Klippen peitscht, flüsternde Wälder, moosbewachsene Steine, schneebedeckte Berge und liebliche Täler, Tag und Nacht, die Jahreszeiten, die Farbenpracht, die Fülle der Erntezeit und die Stille des Winters, Sonnenstrahlen und Nebel, der aus den Seen steigt.
"Es ist keine Frage des Vertrauens" sagte die Menschin, es ist die Liebe, die mich mit dir vereint...und mich in dir erkennen lässt...."Ich bin da" ist meine Antwort auf deine Frage, ob ich dir vertraue...
Und zärtlich vermählte sich das Leben nun auch der seelendurchfluteten Menschin und flüsterte ihr leise ins Ohr: Jetzt wirst du dich nie mehr von mir verlassen fühlen, denn jetzt bist du in mir erwacht."
Aus der Tiefe deiner Seele
eine süsse Stimme klingt,
spinnwebzart und selbstvergessen
sie von fernen Weisen singt.
Sie singt von den Tagen des Sturms,
da der Wind des Sehnens Wellen
gegen die Klippen deines Verstandes schlägt.
Sie singt von den Tagen der Trauer,
da ein geliebtes Schiff
den heimatlichen Strand verlässt.
Sie singt von den Tagen der Reise,
da fremde Pfade dir zu eigen werden.
Sie singt von den Tagen der Heimkehr
in ein Zuhause, das immer in dir war.
Sie singt von blühendem Leben,
das zärtlich deiner Liebe harrt.
Sie singt von den Tagen unendlicher Freude,
einer übersprudelnden Quelle,
die deinem fühlenden Herzen entspringt.
Sie singt von den Tagen der Freundschaft,
da Seele die Seele im andern erkennt.
Sie singt von den Tagen der Liebe,
die ungezähmt der Allgegenwart entweichen,
wie die Stimme, die aus der Tiefe deiner Seele quillt.
Was ich uns Menschen so wünsche, dir, mir und dir auch
Ich wünsche dir Hände
Hände, die die deinen halten und von deinen gehalten werden
Hände, die deine Wange berühren
Hände, die sich auf deinen Rücken legen und dich aufrichten
Hände, die dein Gesicht umfassen
Hände, die dir über den Kopf streichen,
immer und immer wieder
und dir die Spannung nehmen,
die Angst, die Trauer und die Last,
die sich auf dich gelegt hatten.
Hände, die sich wie ein Dach über deine legen,
und dir sagen:
"Du kannst einfach nur sein, du musst nichts tun, ich bin da"
Hände, die deine halten, wenn du geboren wirst, und
Hände, die deine halten, wenn du stirbst
Hände, die sich dir öffnen und mit deinen verschmelzen,
dass du nicht mehr weisst, wo der Finger des einen aufhört
und der des anderen anfängt.
Hände, die sich dir entgegenstrecken, im Vertrauen,
dass ihnen gegeben wird
Hände, in denen du deinen eigenen Herzschlag spürst
Hände, die dich liebkosen
Hände, die deine Wünsche zur Erfüllung tragen
Hände, die feiner sprechen, als es ein Wort je vermochte
Hände, die dir zuwinken beim Abschied und dir sagen
"Wir sehn uns wieder..und es tut weh, dass du gehst,
doch die Freude, dass es dich gibt, trägt mich weiter"
Hände, die du auch dann noch spürst,
wenn der dazugehörige Mensch nicht mehr im Raum ist.
Ich wünsche dir Hände, durch die ein Herz dich liebt...und seien es zuweilen auch deine eigenen...
und.... einen Windhauch der dich zärtlich streift, Lippen, die dich berühren, einen Sonnenuntergang, der deine Sorgen mitnimmt, eine klare Nacht, in der du die Lieder der Sterne hörst. Ich wünsche Dir Tränen, die deinen Schmerz dem Fluss anvertrauen. Ich wünsche dir Blumen, deren Duft dein Herz lächeln lässt. Ich wünsche dir ein warmes Feuer, das deine Zweifel aufnimmt und dich eint. Ich wünsche dir Erde, die dich trägt und ein Licht, das dir Zuversicht gibt. Ich wünsche dir die Fülle des Augenblicks und ich wünsche Dir alles, das dich dir selbst wirklich macht...in Liebe und Schönheit
Ich bin in allen Dingen und alle Dinge sind in mir...
"Als in Irgendzeit wieder mal Frühling war,
sangen die Stimmen der Vögel so klar
sie sangen der Seele vom Lieben...
Zart trieben die Knospen der Bäume
in luftige, duftende Räume..
Schlüsselblumen säumten den Weg..
leuchtendgelber vertrauender Steg..
selbst der Rosenstock war erwacht
und hatte ins Herz mir
das Lachen gebracht.
Das Innere nach aussen nun bricht,
Verborgenes regt sich am Ende ins Licht
Hand in Hand sind die Zeiten
wenn Herzen sich öffnen
Seelen sich weiten ..
Zeit zu finden, Zeit zu binden
Zeit zu ruh'n und Zeit zu tun
In den Vögeln zu singen
in den Bäumen zu blüh'n
in den Früchten zu reifen
in der Sonne zu glüh'n
in den Blättern zu fallen
in winterlich Traum
das Sein zu erneuern
im herzlichten Raum
So schmelzen wir in den Bächen
dem grundlosen Meer der Liebe zu
und finden in seinen Tiefen
atmende, tanzende Ruh'...."
Ich bin
kein Wer,
kein Was,
kein Wie,
nur ich.
Ich lebe,
ohne Warum,
ohne Wozu,
ohne Damit
die Liebe
Wenn dunkle Blüten
sich aus deinen Kernen schälen
und schwarze Träume
dir helle Tage stehlen
bin ich bei dir
Wenn Angst und Schmerz
dich zu zerreissen droh'n
als wären sie
des Lebens einz'ger Lohn
bin ich bei dir
Wenn tiefe Freude sich
aus deinem Traume bricht
und nahes Glück
sich dir aufs neu verspricht
bin ich bei dir
Wenn du allein und unverstanden
einsam Bahnen ziehst
vor sichtbar Welt
in ferne Wirklichkeiten fliehst
bin ich bei dir
Wenn du mich liebst
und in den Himmel hebst,
mich ins Vergessen stürzst
oder vor Wut erbebst
bin ich bei dir
Bist du gross oder klein
Sein oder Schein
Ich bin bei dir
Wo sonst soll ich sein
bin ich doch in dir
In dir ganz all-ein
Mit der Leichtigkeit der Feder
Und dem Wind, der sanft sie küsst
Sind getragen wir und leben
Herzverwurzelt, traumgegrüsst
In den Weiten uns'res Seins
Wind des Sehnens trägt uns weiter
Einer nahen Heimat zu
Kommt im Berührtsein erst zur Ruhe
Wenn sich das Ich begreift im Du…
In Irgendzeit bricht sich ein Morgen erneut
den Weg durch die Schleier der Träume.
In Irgendzeit ruft dein mutiges Herz
zu geh'n dich in werdende Räume,
die erst durch dein Gehen in Liebe entstehen...
Begegnung mit einem Menschen
Bist du einmal einem Menschen begegnet, jenseits deiner eigenen Vorstellungen, deiner Bedürfnisse oder deines Bedeutungszuweisungszwanges, jenseits deiner Hoffnungen und Sehnsüchte? Hast du in ihm nicht nur ein isoliertes Wesen wahrgenommen, das einen Namen hat und in seiner scheinbaren Abgeschlossenheit dir zugetan oder abgewandt ist? Bist Du den Vielen begegnet, die eingebettet in die Seelenlandschaft dieses Menschen, seine Seele geprägt haben, erfüllt, berührt und erschüttert?
Du begegnest diesen Wesen absichtslos, indirekt, die meisten davon haben für dich keinen Namen, kein Gesicht, doch begegnest du ihnen in der Ernte, auf den bebauten Feldern seiner entwickelten Persönlichkeit. Du schmeckst sie, hörst sie, siehst sie in den Früchten, die die Interaktion dieses Menschen mit ihnen gezeitigt hat.
Achte die Vielen und ehre sie und achte die Vielen, die die Vielen prägten. Achte die Strahlen der Sonne, die diesen Menschen beschienen, ebenso wie den Regen, achte die Sterne, die ihm die Nacht erleuchteten. Achte die Erde, die ihn trägt, die Filme die er sah, die Worte die er hörte, achte die Menschen, die ihn liebten, achte jeden flüchtigen Augenblick, jede Begegnung die er je hatte, mit Menschen, Tieren, Pflanzen, Wesen, denn all das siehst du, wenn du einen Menschen liebst. Du liebst das, was sich erwirkte in ihm und all das hat ihn miterwirkt.
Du schaust in die Augen dieses Menschen und vielleicht kannst du auch dein Selbst in ihnen sehen, vielleicht auch sind diese Augen dir Tore zu einem Ganzen, das niemals geteilt, sich in ihm, wie in jedem verkörpert hat.
Wie kannst Du einen Menschen lieben und die Erde verabscheuen, oder den Horizont, wie kannst du auch nur einen einzigen Menschen lieben, ohne das Ganze durch ihn zu lieben? Er wäre nicht er, ohne den Vater, der ihn schlug oder tröstete, ohne die Mutter, die ihn verstiess oder liebevoll pflegte, ohne die Grossmutter, die ihm Geschichten erzählte.... Er wäre nicht er, ohne die vielen, die er berührte, liebte, verachtete, verletzte ....
Wenn du ihn ansiehst, siehst du auch die lieblichen Täler, die Schluchten, die blauen Himmel und die tosenden Stürme des Innern, die ihn zu dem machten, was er jetzt ist?
Siehst du die Tage seiner Kindheit, die liebkosten, die grauen, die einsamen, die herzlachenden und verstossenen Tage, die in ihm eine Ahnung herausschälten, was er von diesem Leben zu erwarten hat und wie er damit umzugehen gedenke?
Siehst du die vielen enttäuschten Erwartungen, die erfüllten und die unerfüllten Wünsche, das Herzklagen und den sanften Frieden in ihm? Siehst du die ausgebrannten Felder und wuchernden Hoffnungen, siehst du die verborgenen Wege, die nur ihm und ihm allein vertraut sich machten.
Da ist so vieles und so vieles mehr, dem du begegnest, wenn du einem Menschen begegnest. Viele sagen, es zählt nur der Moment und ja, alles kann sich dir eröffnen, in einem einzigen Moment, ohne auch nur einen flüchtigen Wimpernschlag zu brauchen, in dem sich dein Herz vom Gesehenen erholt.
Doch siehst du nicht notwendigerweise das Geschehene, sondern vielmehr das Erwirkte, das, aus der Vielzahl an Geschehenem und Ungeschehenen, im erlebten Erfahrungsuniversum dieses Menschen, Geborene, ihm Eingeprägte. Oftmals ist dieses Gewirkte sich seiner selbst nicht bewusst, ist es eine unbewusste Schöpfung sozusagen, ein Produkt von Reaktionen auf die Umwelt in Interaktion mit seinem eigenen Sein und Erleben. Doch ein liebevoller Blick, ein Herz-zu Herverstehen mag genügen, dieses Daseinsprodukt einzuseelen, und jenem Menschen einen Grund zu erlieben, auf dem er erblühen kann.
Ein Strahl von Liebe, ein tiefes Angenommensein, ein einfaches Danke, ein Lächeln mag eine Lebenslandschaft sich für sich selbst erhellen und sich ihrer selbst bewusst machen.
All das kann passieren, wenn du einem Menschen begegnest, mit der Offenheit und Bereitschaft ihn wahrzunehmen, und dieser Blick mag dir ein Selbst erschauen, das mit deinem Selbst auf innigste Art verbunden ist und sich im Wir als mehr als die Summe aller einsamen und gemeinsamen Erfahrungen begreift. Vielleicht auch ist es nur ein flüchtiger Augenblick, ein erkennendes Lächeln, das so tief in die Seele eines Menschen dringt, und sie erkennend für sich selbst gebiert und diese Geburt ist wie ein Hallelujah, das das Leben sich selbst durch uns schenkt.