Nachdem ich hier kürzlich die wundersame, wahre Geschichte erzählte, wie ich nach Syrien kam, wurde ich mehrfach aufgefordert, ein Buch aus all diesen Geschichten zu machen. Das Buch ist noch nicht geschrieben und ich weiss nicht, ob ich es je schreiben werde, und so erzähle ich hier einfach eine weitere dieser „Geschichten“ aus meinem Leben, die da heisst: Wie ich zum Theater kam…
Es war 1990, ein Jahr bevor die Schweiz ihren 700. Jahrestag feierte. Ich arbeitete in dieser Zeit im Landhaus in Bern, einem wundervollen Jazz-Speiselokal im alten Hexenviertel an der Aare, um mir die 3 jährige Ausbildung zur klinischen Hypnosetherapeutin in Zürich zu finanzieren. Es war ungeführ 6 Monate vor dem Abschluss der Ausbildung, als ich keine Lust mehr hatte, als Serviertochter zu arbeiten und ich erwog zu kündigen.
Da hörte ich eine innere Stimme, die sagte: „Die Arbeit mit Menschen macht dir doch Spass. Bleibe hier und geniesse das, im Wissen um die Endlichkeit dieser Tätigkeit. Das Neue kommt hier zu dir. Achte darauf, was am Wegrand liegt“
Da ich meiner inneren Stimme bedingungs vertraute, blieb ich. Ein paar Wochen später wurde schräg gegenüber vom Landhaus am Wegesrand eine Arche aufgebaut, 30 Meter hoch in der Luft. Und schillernde, bunte Menschen kamen ins Landhaus, wie sich herausstellte die Crew des Komedie Theaters unter Federico Pfaffen(das damals grösste Freie Theater der Schweiz)
Federico ist eine Naturgewalt und wir erkannten uns in gewisser Weise sofort. Mehrmals luden mich die Theaterleute, die offensichtlich von mir als Serviertochter begeistert waren, ein, sie nach Dienstende, also um Mitternacht in ihrem Zelt zu besuchen. Ich war vielleicht noch ein bisschen scheu..auf jeden Fall ging ich nicht hin, und wieder und wieder luden sie mich ein, auch zu ihren Vorstellungen. Sie spielten damals Dürenmatts „Die Stadt. Um 6 Uhr morgens, 30 m hoch über der Erde, in der Arche, die sie dort erbaut hatten.
Eines Morgens ging ich hin und schaute mir das Stück, um nicht zu sagen dieses „Ereignis“ an. Ich werde nie vergessen, wie ich bebend nach Ende der Vorstellung wieder am Ufer der Aare stand und weinte. Ich war vollkommen ergriffen von der Intensität der Darstellung der Schauspieler und von der Inszenierung und alles in mir schrie: „Ich will das auch machen“
Ich hatte zwar ein paar Jahre davor in Graz bei Gigi Tapella‘s Teatro del Sole aus Spass einen Grundkurs für Schauspiel gemacht, hab aber nicht im Traum daran gedacht, je als Schauspielerin zu arbeiten. Mein Ding war immer die Erforschung des Bewusstseins…darum hatte ich auch Medizin studiert, bis ich merkte, dass Bewusstsein nicht im Hirn lokalisiert ist. Da brach ich es im 2. Rigorosum ab und zog in ein Bergdorf in die Schweiz(aber das ist eine andere „Wunder“-Geschichte)
So füllte also das „Ich will das auch machen“ meinen ganzen Körper aus, um nicht zu sagen, jede Faser meines Seins. Kurz danach träumte ich, dass ich eines Nachts, nach Dienstschluss in das Zelt der Theaterleute ging und Federico mich fragte, ob ich mich ihnen anschliessen würde. Sie hätten mich gerne bei sich auf ihrer Tournee… (Federico wusste aus unseren Tagesgesprächen, dass ich diese Ausbildung zur Hypnosetherapeutin in Zürich machte) Ich sagte: Ok, ich komme mit euch. Er fragte mich: Als was? Ich sagte: Als Schauspielerin. Er sagte: Wir suchen eine Hauptdarstellerin. Wenn du das machst, musst du ins kalte Wasser springen. Ich sagte: Ja. Er sagte: „Wir brauchen dich ab 1. Juli, was machst du dann mit deiner Ausbildung?“ Meine Ausbildung endet am 30. Juni und die Diplomarbeit kann ich nachreichen, sagte ich. Und was machst du mit deinem Job? Den kündige ich. Ok, sagte Federico: Du bist engagiert.
Das war der Traum…Ich glaube an solche Träume, Träume haben mein Leben sehr geprägt und mir oft den Weg gewiesen. Am nächsten Morgen suchte ich als erstes meinen wundervollen Chef Bernie auf und kündigte zum 30. Juni..Mitten in der Saison..Er fragte warum. Ich sagte, ich hätte geträumt. Bernie kannte mich und akzeptierte die Kündigung, bat mich aber zu bleiben, sollte sich mein Traum nicht bewahrheiten.
Am Abend darauf ging ich in das Theaterzelt und was soll ich sagen: Das darauf folgende Gespräch war die exakte! Wiederholung des Traumgesprächs, das mit den Worten: „Du bist engagiert“ endete.
Daraufhin sah ich Federico 2 Wochen lang nicht. Es schien so, als ob er sich vor mir versteckte und ich hatte gelinde gesagt „Lampenfieber“ und zweifelte schon ein bisschen. Ich fühlte, dass er von seinem eigenen blinden Vertrauen in mein Vermögen als Schauspielerin(die ich ja nicht war) überfordert war. Ich übrigens auch
Nach 2 Wochen hielt in der Stadt ein Auto neben mir an mit Federico drin…Er sagte, er hätte mit den Produzenten, dem Co-Regisseur und den Schauspielern gesprochen: Ich müsse zum Casting kommen. Und er drückte mir Lars Noren´s Dämonen in die Hand, und bestellte mich ein paar Tage später zum Vorsprechen.
Die folgenden Tage waren ein Alptraum für mich…ich war in Panik, trank 2 Liter Milch am Tag (jemand sagte, das sei beruhigend) und brachte mir selbst einen Monolog der weiblichen Hauptrolle bei….
Ich ging also zu diesem Vorsprechen und alle waren sie da..die Schauspieler, die Produzenten, Regisseure…und Federico sagte: „Fang an“ und ich spielte Katarina, vielmehr war ich Katarina… Als ich fertig war, war es still…unerträglich still, ewig still Und irgendwann sagte Federico: „Mach es noch mal“ Ich machte es nochmal und wieder war es still.
„Wo hast du das gelernt?“ fragte Federico. Nirgends, sagte ich.
Und dann begannen mir die Schauspieler aufzuzählen, was ich alles nicht könne…
Ich wär am liebsten in den Boden versunken und entschuldigte mich unaufhörlich dafür, dass ich ihre Zeit gestohlen hätte usw..eigentlich entschuldigte ich mich dafür, dass ich überhaupt lebte und ich wollte schnellstmöglich raus aus diesem Raum.
Federico aber drückte mir ein anderes Stück in die Hand (das Stück, das sie als nächstes im Repertoire hatten und bestellte mich zur Leseprobe) Einige der Schauspieler kamen zu mir und boten mir an, mir gewisse Dinge beizubringen. Keiner sagte, dass ich engagiert wäre, auch bei der Leseprobe nicht. Also fragte ich irgendwann: Was ist jetzt mit mir?..Keiner sagte etwas…immer nur den nächsten Termin.
2 Jahre später, als ich schon einige Hauptrollen gespielt hatte, sagte mir einer der Schauspieler, dass es sofort klar gewesen wäre, dass ich engagiert bin, aber Federico hatte allen verboten, es mir zu sagen..er wollte meine Nervenstärke beim Sprung ins Ungewisse und mein Durchhaltevermögen testen…
So also kam ich zum Theater..durch ein Ganzkörperbeben und einen Traum;-)
Ein Jahr später zog ich dann mit demselben Theater, 2 Elefanten, 10 mazedonischen Musikern, einem Zigeuner und einem Pferd, 8 Schauspielern und einem Zirkuszelt durch die Alpen. Wir hatten anlässlich des 700 Jahr Jubiläums der Schweiz einer wahren Begebenheit folgend, ein Stück komponiert(selbst geschrieben), als Parabel über die Begegnung mit dem Fremden. In der wahren Begebenheit wurde in Murten ein Elephant für den Mord in einem Dorf verantwortlich gemacht und hingerichtet, nicht weil er´s war, sondern weil er fremd war und mit einem Wanderzirkus in das Dorf gekommen war. Nun waren wir der Wanderzirkus und zogen durch die Alpendörfer…
Das Schweizer Fernsehen hat alles dokumentiert..und ich mag an dieser Stelle auch nicht mehr erzählen;-) Leider ist das folgende Video, in dem ihr mich im Boot und auf dem Elephanten sitzend seht nur für Schweizer zugänglich oder über VPN…
Warum ich das Theater dann ein paar Jahre später, mit wunderschönsten Erfahrungen gefüllt, wieder verlassen hab, ist eine andere Geschichte und sie hatte wohl mit dem zu tun, dass eine innere Stimme mir sagte: Die Bühne ist zu klein für dich „Das Spiel, das du liebst, wird dein Leben sein“
Und es war wieder ein Traum, der mich zurück nach Österreich brachte. Link