Warnung : Wer hier etwas vordergründig Spirituelles oder gar
Intelligentes zu lesen erwartet, möge sich bitte JETZT von
diesem Blog verabschieden. Jenen, die das Seltsame lieben,
sei folgendes erzählt. Es begab sich also heute so :
Wieder zurück in Graz, sass mir die anstrengende Reise noch
in den Knochen. Als ich nach nur 2 Stunden, traumleeren
Schlafes erwachte, war mir in Gedanken ein Sanatorium mit
seinen weissen Wänden näher, als der innere oder äussere
Blick auf die zu erledigenden Dinge. Sie türmten sich wie
ein immer höher wachsender Berg vor meinen Augen auf, und
selbst die Handtasche, die mich bis ins Bett verfolgt hatte,
sagte mit hoch erhobenem Zeigefinger : " Öffne mich, leere
mich, in mir ist Post, in mir sind Notizen und Termine, ich
ersticke schon fast." Kaum hatte ich mich an den Gedanken
gewöhnt, dass Handtaschen sprechen können, hob auch der
Computer an, zu sprechen, vom Telefon gar nicht zu reden.
Die Einzahl von Telefon ist falsch gewählt ..3 Telefone
schrieen mich gleichzeitig an. Das eine, auf das ich mich in
einer hingebungsvollen Meditation in Notre Dame zu Ehren der
Glocken, gesetzt hatte, schrie : " HA; ich bin zwar kaputt,
aber ich bin die Hüterin all deiner Kontakte und Termine.
Ohne mich bist du verloren!" Das Ersatztelefon, in dem nun
meine Sim Karte steckte, hoffte erwartungsschwanger darauf,
befördert zu werden und grinste unverschämt verächtlich mein
altes kaputtes Telefon an, als ich es seufzend aufnahm, um
einen Notdienst zu rufen, um mich zu informieren, wer denn
mein altes Handy reparieren könnte. Aber das wusste das
Ersatztelefon nicht, sonst hätte es nicht so gegrinst. Das
3. Telefon, mein Festnetztelefon schrie : " Lade mich ! "
und genau in dem Moment begann auch mein Koffer lauthals
nach mir zu rufen ; " Pack mich sofort aus, da sind Kleider
, die ins Geschäft müssen, die Kunden warten!" Immer näher
kamen die unschuldig weiss gehaltenen Wände in meiner
Vorstellung- nur weisse Wände, kein Telefon, kein Computer,
kein sprechender Koffer...
Wo war denn nur mein Ich geblieben?? War es in die Seine
gesprungen, oder hatte es sich bei dem schier unendlichen
Transfermarathon am Wiener Flughafen abgesetzt?
Ich möchte hier von den unzähligen Anrufern gar nicht
sprechen, die schon in aller Früh mit jemandem reden
wollten, den ich selbst im Moment nicht fand: mein eigenes
Ich. Dann endlich eine vertraute Stimme, die mich in einer
Sekunde in eine Seelentiefe führte, in der es zwar Raum und
Zeit nicht gibt, aber dafür eine Ahnung von einer Identität,
die vielmehr ich selbst ist, als das im Moment abgängige
funktionelle Abbild desselben im Alltag. So verbrachte ich
einen ewigen Moment in Irgendzeit, der auf Erden wohl ein
paar Stunden dauerte, und aus dem sich irgenwann ein Ich
schälte, das immerhin fähig war, ein paar Emails zu
verschicken.Schliesslich schaffte es dieses Ich sogar,
herauszufinden, wo in Graz eine Handyreparaturstelle wohnte.
So brachte mich ein Taxi ins Rotlichtmilieu ( denn dort
wohnt der Handydoktor) und mir wurde gesagt, wenn eine
Stunde verstrichen wäre, dürfe ich mein Handy wieder abholen
kommen. So stand es also da, dieses seltsame Ich , an diesem
seltsamen Ort und fand sich kurze Zeit später in einem Lokal
wieder, in dem Faschingskonfettischlangen von den Lampen
hingen und der Geruch von Wienerschnitzeln sich mit kaltem
Zigarettenrauch mischte. Ein Volksmusikant sang von Engeln,
Sternen und vom Himmel. Ich hörte mich ein Cola! bestellen
(ich trink sonst nur Wasser oder Tee ) und schon nach kurzer
Zeit stand ein Backhendelsalat vor mir. Das war der Moment,
da etwas in mir erwachte. Ich stellte fest, dass wohl ein
altes Ich an die Oberfläche gekommen war und schickte es
freundlich und bestimmt, zusammen mit dem Backhendlsalat
wieder zurück in jene Zeit, der es angehörte. So, und nun
sitze ich immer noch hier, unter Lampions und Ich war nie
ein Casanova Gesängen und habe keine Ahnung, wer das alles
schreibt..Eine Pendeluhr schlägt zur halben Stunde und ich
muss zugeben die Situation hat etwas berührend Groteskes.
Vielleicht sollte ich noch erwähnen, dass ich hier in meinem
Nachthemd sitze, da ich nicht damit gerechnet habe, dass ich
den Mantel beim Handydoktor ausziehen würde. Na ja, es ist
ein Kleid, und niemand würde auf die Idee kommen, es als
Nachthemd zu sehen, aber ICH weiss, dass es die treue
Begleitung meiner Träume und Astralreisen ist.
Soeben hat sich ein Kleinstadtindianer mit hüftlangen
gefärbten schwarzen Locken an die Bar gesetzt, mit einem
ebenso gefärbten weisssilbernen Streifen..( wahrscheinlich
als Kompensation für das fehlende Pferd). Das alles wird
begleitet von einem nun jodelndem Radio, bevor sich
ein überdimensionales, konfettischlangendrapiertes
Glücksschwein in mein Blickfeld stürzt.
Wow! Harry Potter´s Dementoren bin ich nun definitiv
entkommen. Im Moment sind die weissen Wände keine Option
mehr für mich , denn jetzt in diesem Augenblick ist mir
jedes Leben recht. Manchmal ist ein Ausflug und ein Sich-
Ergeben ins Unbekannte besser als 3 Kilo Schokolade :)
In diesem Moment singt Peter Alexander : " Das kleine
Beisel( Wirtshaus) in unserer Strasse, da wo das Leben noch
lebenswert ist, das kleine Beisel in unserer Strasse, da
fragt dich keiner, was du hast oder bist....und tatsächlich
verabschieden sich die Gäste und Wirtsleute von mir wie von
einer alten Freundin und wünschen mir einen ganz
wundervollen! Nachmittag.....
In diesem Sinne...From Beisel...with love
PS: Nun , da ich wieder zuhause bin, fand ich in meiner
Handtasche nicht nur das wieder funktionierende Handy,
sondern ein ganz wundersames superkitschigschönes Tee- und
Zuckerset..und dunkel erinnere ich mich, dass ich irgendwann
an diesem seltsamen Nachmittag, zwischen Beisel und
Handydoktor auch noch auf Teppichen sass...Ob sie geflogen
sind ? Wer vermag es zu sagen....