Sehnen und Erinnerung II
Das Schweigen breitete sich aus in mir wie eine
still wachsende Knospe, die erst voll erblüht,
die Sprache erweckt- entdeckt- gebiert.
Ich sass am Fenster, lange Zeit-
Auge überall, oben und unten,
auf der Suche nach einem anderen Auge,
einem sehenden Auge wie meinem.
Ganz Seele, sehnende Seele,
sass ich am Fenster,
und suchte nach einer anderen Seele,
sehnend wie meine,
ein bisschen wie meine,
und ich dachte Zeit, dass ich aufhöre.
Zeit, dass ich mein Auge schliesse,
mein suchendes Auge
und nach innen blicke,
auf meine sehnende Seele blicke,
und da fand ich,
dass es Zeit wäre aufzuhören,
dass es Zeit wäre für meine Seele,
aufzuhören mit dem Sehnen immerzu,
dass es Zeit wäre für meine Seele
ruhig zu sein,
still zu werden.
Und sie wurde ganz still,
die sehnende Seele.
Und es war still um mich,
und still in mir,
ganz plötzlich-ganz still.
In diese Stille wurde etwas geboren.
Langsam und zart
regte sich ein Herz,
ein einsames Herz. Ganz all-ein in der Stille,
überall, innen und außen.
Und das Herz stieß einen Schrei aus,
wie es so ist,
wenn etwas zu atmen beginnt.
Und es begann die Stille zu füllen
mit seinem Atem,
überall, oben und unten,
innen und außen,
nicht mehr alleine,
denn der Atem war mit ihm.
Überall.
Und das Herz vermählte sich
mit dem Atem,
und ich war Zeuge,
innen und außen.
Jemand stand neben mir,
ebenso Zeuge.
Und ich kannte ihn.
Meine Seele kannte ihn von früher,
als sie noch ganz sehnende Seele war,
überall, oben und unten,
erkannten wir uns
in der Stille,
als Zeugen der Hochzeit
zwischen Atem und Herz.
(c) Lile an Eden, Das Buch des Lebens